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Folge 27 vom 3. Januar 2023
Folge 27 vom 3. Januar 2023: Wie wird man in Ozeanien ein "big man"?

Wie wird man in Ozeanien ein "big man"?


Antwort von Dr. Ulrich Menter, Fachreferat Ozeanien, Linden-Museum Stuttgart:

Der „big man“ ist eine soziale und politische Position, die vor allem in jenen Gesellschaften Melanesiens zu finden war, in denen keine institutionalisierten oder erblichen Führungspositionen existierten. Ein „big man“ ist jemand, der großen Einfluss besitzt, der bestehenden Entwicklungen eine Richtung geben und der neue Projekte anstoßen kann. Seine Rolle gründet auf einer Anhängerschaft, die er nicht zuletzt durch wirtschaftliche und ideelle Unterstützung gewinnt. Indem ein „big man“ anderen bei Tauschgeschäften, Schuldenzahlungen oder Beiträgen zu Festen und Zeremonien hilft, stärkt er seine soziale Rolle und Position, die ihm von einem großen Teil der Gesellschaft Anerkennung einbringt. Dies macht aber auch deutlich, dass sich ein „big man“ oftmals in einer prekären Situation befindet. Seine so gewonnene Führungsposition kann er durch nachlassende Anerkennung auch wieder verlieren.

 
Folge 26 vom 29. Dezember 2022
Folge 26 vom 29. Dezember 2022: Wurden die Malagane der Ozeanien-Ausstellung nur für den Verkauf hergestellt?

Wurden die Malagane, die in Ausstellung „Ozeanien - Kontinent der Inseln“ (2022) zu sehen sind, nur zum Verkauf oder für Ausländer hergestellt?


Antwort von Dr. Ulrich Menter, Fachreferat Ozeanien, Linden-Museum Stuttgart:


Angesichts der sehr großen Zahl von Malaganen in den Museumssammlungen drängt sich die Annahme auf, viele von ihnen seien bereits für den Verkauf angefertigt worden. Allerdings ist eine solche Vermutung nicht belegbar. Malagane wurden im Rahmen großer Totengedenkfeiern auf der Insel Neuirland einmalig präsentiert, um dann dem Verfall überlassen zu werden. Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts war es dann aber durchaus nicht ungewöhnlich, die Kunstwerke nach ihrer zeremoniellen Präsentation an koloniale Reisende zu veräußern.

 
Folge 25 vom 20. Dezember 2022
Folge 25 vom 20. Dezember 2022: Woher kommt der Name 'Uli-Figuren'?

Woher kommt der Name der Uli-Figuren, die in der Dauerausstellung „Ozeanien - Kontinent der Inseln“ (2022) des Linden-Museums Stuttgart zu sehen sind?


Antwort von Dr. Ulrich Menter, Fachreferat Ozeanien, Linden-Museum Stuttgart:


"Uli" ist eine Bezeichnung aus den Sprachen des mittleren Neuirland, also genau aus jener Region, in der die Figuren auch eine zeremonielle Bedeutung hatten. Das Wort ist die indigene Bezeichnung für diese großen Zeremonialfiguren und es ist mir keine weitere Bedeutung bekannt. Der Begriff "Uli" hat sich auch durchgängig, nicht nur in der deutschsprachigen Ethnologie, zur Benennung der großen Skulpturen durchgesetzt.

 
Folge 24 vom 6. Dezember 2022
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Was zeichnete die Rolle der Frauen in den indigenen Gesellschaften Ozeaniens aus?
 

Antwort von Dr. Ulrich Menter, Fachreferat Ozeanien, Linden-Museum Stuttgart:
 

Bei einer Antwort auf diese Frage ist es sehr wichtig, zu differenzieren. Sie macht auch deutlich, dass „Ozeanien“ ein Konstrukt und kein einheitlicher gesellschaftlicher oder kultureller Raum ist. In Ozeanien existierten sehr viele und sehr unterschiedliche Gesellschaftsformen. Eine Gemeinsamkeit vieler ozeanischer Gemeinschaften war jedoch eine deutliche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Es gab somit weibliche und männliche Bereiche im Handwerk, im Anbau oder bei der Jagd oder Tierhaltung, die mehr oder weniger deutlich voneinander getrennt waren. Insbesondere in Melanesien bezog sich diese Arbeitsteilung auch auf den religiösen Bereich: Es waren in der Regel die erwachsenen Männer, die Verantwortung für Zeremonien trugen, die für die gesamte Gesellschaft von großer Bedeutung waren. Aber auch die Frauen führten Zeremonien und Rituale durch, die jedoch vor allem für den weiblichen Bevölkerungsteil Geltung besaßen. Weibliche und männliche Sphäre waren allerdings nicht voneinander getrennt, sondern komplementär. Erst das Zusammenwirken beider machte das Wohlergehen der gesamten Gesellschaft möglich. Während sehr viele historische Gesellschaften Ozeaniens männlich geprägt waren, gab es insgesamt doch ein breites Spektrum der Geschlechterrollen. Gerade in den Adelsgesellschaften Mikronesiens und Polynesiens nahmen hochrangige Frauen wichtige und sehr bedeutende Positionen in den Gesellschaften ein.

 
Folge 23 vom 21. November 2022
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Die Masken der Dauerausstellung „Ozeanien - Kontinent der Inseln“ (2022) stammen aus dem späten 19. Jahrhundert. Werden solche Masken heute noch vor Ort benutzt?
 

Antwort von Dr. Ulrich Menter, Fachreferat Ozeanien, Linden-Museum Stuttgart:

Ozeanien ist eine Region großer kultureller Vielfalt. Die Masken, die im Linden-Museum Stuttgart ausgestellt sind, stammen alle aus Neuguinea, d. h. dem unabhängigen Staat Papua-Neuguinea sowie Westneuguinea, das heute ein Teil von Indonesien ist. Allein in Papua-Neuguinea existieren neben den großen Verkehrssprachen ca. 800 verschiedene Sprach- und Kulturgruppen. Es lässt sich also kaum eine allgemeine Aussage zu den ausgestellten Masken treffen, die alle aus der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts und vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammen. In den meisten Fällen sind solche Masken heute nicht mehr im Gebrauch. Es handelt sich also um historische Objekte und historische Kontexte. Ob ähnliche Masken weiterhin in Gebrauch sind, ist nicht zuletzt abhängig von der Durchführung der entsprechenden Feiern und Rituale, in die sie eingebunden waren oder sind. In vielen Fällen sind die jeweiligen Zeremonien aber eher eine Sache der Vergangenheit.


 


 
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