Veranstaltungsprogramm

Dienstag, 27. November | 19.30 Uhr

Reverse Exotism - Teheran

Konzert | Süd-/Südostasien

 

Transkulturelle Neue Musik mit Yasamin Shahhosseini, Sebastian Flaig und Matthias Mainz

"Reverse Exotism – Teheran" basiert auf der Idee des Musikers, Autors und konzeptionellen Künstlers Matthias Mainz, dem Gründer der Plattform für Transkulturelle Neue Musik (www.plattform-tnm.org).

Seit 2016 setzt er sich in zwei Projektsträngen intensiv mit musikalischen, sozio-ökonomischen und kulturpolitischen Fragen um musikalische Transformation und Transkulturalität auseinander. Während er in der Plattform für Transkulturelle Neue Musik das Sprechen und Denken über Musik mit der Erfahrung individueller musikalischer Entwürfe in künstlerisch-wissenschaftlichen Formaten mit Musiker*innen und Kulturwissenschaftler*innen verbindet, arbeitet er für Reverse Exotism an prozesshaften musikalischen Formaten, in denen Künstler*innen in Konzerten und Produktionen einander begegnen.

2018 arbeitet Mainz mit der Teheraner Oud-Virtuosin Yasamin Shahhosseini und dem Berliner Percussionisten Sebastian Flaig zusammen.

Die Teheraner Oud-Solistin Yasamin Shahhosseini steht für die jüngste Generation persischer Radif-Musiker*innen, die über den Rückbezug zu den Wurzeln der persischen Kunstmusik die improvisatorischen Schwerpunkte des Radif neu beleben. Mainz kennt sie seit einem Rechercheaufenthalt an der Universität Teheran im Juli 2015, wo sie ihm als das nächste Oud-Wunder vorgestellt wurde. Auf seine Frage, was sie sonst noch interessiere, antwortete sie ihm:

"Sound Art. I read in books about it." Klangkunst war noch 2015 in Teheran, anders als in Deutschland, wegen der extremen staatlichen Restriktion von Musik in der Öffentlichkeit so gut wie überhaupt nicht anzutreffen. Das Interesse Shahhosseinis und ihre gründliche Art der Auseinandersetzung erschienen ihm damals sehr besonders – später erfuhr er, dass sie in der Folge ebenfalls an den Workshops elektronischer Musik teilgenommen hatte, die Joachim Heintz, der Leiter des Instituts Incontri der Musikhochschule Hannover in Teheran gegeben hatte. 2016 war Shahhosseini in die kuratorische Planung eines Kooperationsprojekts der Plattform TNM mit dem Ensemble Musikfabrik eingebunden, in dem sie im November 2016 einen ersten Radif-Workshop mit den Mitgliedern des Ensembles Musikfabrik anleitete und im Rahmen der Uraufführungen auf dem NOW! Festival in der Philharmonie Essen am 5. November 2017 mitwirkte.

Die Radif-Tradition ist die "klassische" Musik des Iran, die auf die den Spieltraditionen um die Modi der Dastgah fußt und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts systematisiert und festgeschrieben wurde. Außerhalb des Iran spielt der Radif sichtbar eine große kulturellidentitätsstiftende Rolle für Exil-Iraner*innen. Die Programme der großen Solist*innen sind als außereuropäische Kunstmusik in den westlichen philharmonischen Sälen etabliert. Bei seinem Besuch an der Universität Teheran konnte Mainz eine starke, fast misstrauische Trennung zwischen den Musiker*innen des Radif und der europäischen klassischen Musik beobachten. Umso bemerkenswerter fand er die gleichzeitige Tiefe von Kenntnis und Verständnis des Radif wie das starke Interesse und die Offenheit zeitgenössischer Musik und auditiver Kunst bei Musiker*innen wie Yasamin Shahhosseini.



Yasamin Shahhosseini wurde 1992 in Teheran geboren. Seit ihrem 13. Lebensjahr spielt sie Oud. Sie gewann Preise beim “Festival of Music Schools” 2005 und 2006 beim "Youth Music Festival" 2013 und 2014. 2016 schloss sie ihr Musikstudium an der Universität Teheran ab. Als Mitglied von traditionellen und modernen Ensembles wie New Music Orchestra, Meta X (Alireza Mashayekhi), Paliz, Avaye Teheran, Three Ouds (Shahram Gholami), Mehbang und Derang trat sie im Iran und international auf. Shahhosseini hat bei einer Vielzahl an Aufnahmen mitgewirkt. Ihre Soloeinspielung "Gahan" mit Improvisationen traditioneller persischer Modi wurde 2015 im Kherad Art House vorgestellt. Als Mitglied der Gruppe Pouyesh beschäftigt sie sich zusätzlich mit musikalischer Forschung. Über ihre Meisterschaft an der Oud hinaus zeigt sie großes Interesse an Komposition und Klangkunst.




Sebastian Flaig aus Freiburg studierte ethnische Percussion und Jazzdrumset an der Hochschule für Musik in Leipzig bei Alexander Bauer, Axel Schüler und Heinrich Köbberling. Zur Vertiefung seiner Kenntnisse der orientalischen Perkussion lebte er ein Jahr in Istanbul und lernte bei verschiedenen Meistern, u. a. bei dem Darabuka-Virtuosen Misirli Ahmet. Die persische Perkussion erlernte er bei Behnam Samani und Majid Khaladj. Von der orientalischen Musik zum Jazz und experimenteller Musik bis hin zur Alten Musik reicht sein stilistisches Spektrum in verschiedenen Ensembles wie dem Taner Akyol Trio, Maya Youssef, Pain Perdu, Kalhor Flaig Duo, Susan Weinert, Lauttencompagney Berlin, Alba Canta, Musikwerkstatt Köln, Mysteries of Bulgarian Voices feat. Lisa Gerard u. a.. Flaig war Mitglied des Bundesjazzorchester und spielte in verschiedenen Tanz- und Theaterproduktionen u. a. an der Komischen Oper Berlin, am Stadttheater Freiburg, Bauhaus Dessau. Er komponierte die Musik zu Dokumentarfilmen und Theaterstücken und tourte im Libanon, Syrien, Türkei, Bulgarien und Südamerika.



Matthias Mainz ist Musiker, Autor und konzeptioneller Künstler. Seit Ende seines Instrumentalstudiums an der Folkwang Hochschule Essen und der Musikhochschule Köln realisiert Mainz Arbeiten zwischen komponierter, improvisierter und elektronischer Musik, Medien- und Bildender Kunst, Tanztheater, Theater und Hörfunk.

2001 gründete er das Ensemble realtime research, in dem er projektbezogen mit performativen Künstler*innen, Autor*innen, Architekt*innen und anderen Spezialist*innen arbeitet. Bis 2006 lag der Fokus der Arbeit in Mixed-Media-Performances und -Installationen, seit 2007 fächern sich die Projekte auf in elektroakustische Konzerte, Workshops, Lectureperformances, konzeptionelle und kuratorische Arbeiten. Seit 2012 beschäftigt sich Mainz mit Fragen transkultureller Musik und ihrer Einbettung in nationale und internationale Kulturpolitik. Recherchen führten ihn hierzu nach Kabul, Teheran und Istanbul. Seit 2015 entwickelt und leitet Mainz die Plattform für Transkulturelle Neue Musik als Instrument künstlerischer Produktion und künstlerisch-wissenschaftlicher Forschung.

In seinen Soloimprovisationen mit Trompete, Piano und Elektronik reflektiert Mainz in einem sehr persönlichen, reduzierten Spiel Einflüsse aus Jazz und improvisierter Musik, elektronischer und Neuer Musik, Stimm- und Lautperformance und dem Avantgarde-Pop der britischen Canterbury-Szene oder des Krautrock.

Eintritt: EUR 16,-/12,-
Reservierung:
Tel. 0711.2022-444 / anmeldung@remove-this.lindenmuseum.de

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